Matthias Lepschi


Reisen
Über mich
Page in English
Nach oben

 

Bergsommer 2020 - Abschnitt 2

  Zurück zum Abschnitt 1

Kalte Sommertouren vom Solsteinhaus


Trotz eines eher durchwachsenen Wetterberichtes geht es wieder einmal am Freitag Mittag gen Süden in die Berge. Nach der Fahrt durch Garmisch und Mittenwald rollen wir den Zirler Berg bis beinahe zum Grund des Inntales hinunter, ehe uns eine kleine Straße wieder nach oben zum Bahnhof Hochzirl bringt. Dort wechseln wir auf Schusters Rappen und wandern bei Nieselregen den Weg zum Solsteinhaus nach oben. Den Pflanzen am Wegesrand tut das regnerische Wetter sichtlich gut; wir bewegen uns durch üppiges Grün zum Solsteinhaus nach oben.

Dort angekommen präsentiert sich der namensgebende Berg in Wolken gehüllt. Wir hoffen, daß am nächsten Tag das Wetter etwas besser ist, wenn wir uns an die Tour zum Gipfel machen.

Leider bleibt dieser fromme Wunsch auch nur ein ebensolcher, und wir steigen tags darauf bei sehr kalten Bedingungen nach oben. Jedes verfügbare Kleidungsstück wird angezogen, um dem Frost zu trotzen. Meine Frau spricht die bedeutsamen Worte: "Ich habe schon Skitouren gemacht, bei denen ich weniger Kleidung an hatte!". Es wundert uns nicht, am Wegesrand eisigen Graupel und Reif zu sehen...

Auch am Gipfel ändern sich die Bedingungen nicht wesentlich: Es ist immer noch höllisch kalt. Da wir darüber hinaus aber auch keine Sicht haben, besteht immerhin keine Notwendigkeit , hier länger zu verweilen.

Beim Übergang zum Kleinen Solstein begegnen wir eine Herde Gemsen (Bildmitte). Ob denen auch so kalt ist wie uns?

Als wir die Wegpassagen entlang der Bänder im Südabruch des Kleinen Solsteines begutachten können, besprechen wir kurz, ob sich der Weiterweg lohnt. Der Fels ist teilweise recht nass und vermutlich auch in Bereichen überreift. Außerdem ist auch der Gipfel des Kleinen Solsteines (der im Übrigen etwa 100 Meter höher ist als der "Große" Solstein) komplett in den Wolken verborgen. Die Rechnung beläuft sich also auf "Kalt plus nicht ganz ungefährlich plus wenig Sicht". Wir beschließen daher, dem Kleinen Solstein ein andermal einen Besuch abzustatten, und machen uns an den Abstieg über den Höttinger Schützensteig zur Magdeburger Hütte.

Dort entdecken wir direkt neben dem Weg einige Edelweiß.

Auch der Tiefblick über Innsbruck läßt nichts zu wünschen übrig.

Der Steig führt rassig und immer wieder leicht ausgesetzt entlang von Steilabbrüchen nach unten. Mittlerweile sind die Temperaturen auch etwas besser geworden, und ab und an kommen ein paar Sonnenstrahlen zum Boden durch.

Als wir eine etwas grasigere Stelle in der Schrofenlandschaft erreichen (vorheriges Bild links der Mitte), sind wir mit einem mal in illustrer Gesellschaft. Links des Weges schauen uns in etwa zehn Meter Entfernung vier Steinböcke an! Die Tiere sind eher neugierig denn scheu und zeigen kein Fluchtverhalten.

Während ich mich freue, die Böcke aus so kurzer Entfernung sehen zu können, spricht mich meine Frau leise an, ich möge doch auch mal nach rechts zur Wand schauen. Und tatsächlich, auch dort zwei Steinböcke! Ganz offensichtlich haben es sich die beiden in der warmen Sonne in den Kuhlen an der Wand bequem gemacht.

Wir gehen langsam ohne hektische Bewegungen weiter - wie schön, den Tieren so nahe gekommen zu sein! Ich drehe mich noch einmal um und fotografiere meine Frau mit den beiden Böcken an der Wand.

Weiter geht es den interessanten Höttinger Steig entlang.

An der Magdeburger Hütte haben wir das nächste eher außergewöhnliche Erlebnis mit der Tiroler Fauna. Naja - "Tiroler" ist hier vielleicht doch leicht irreführend. Eine Herde Lamas grast friedlich auf der Alm.

Nach der Einkehr in der Neuen Magdeburger Hütte, bei der wir uns eine warme Suppe schmecken lassen, geht es über den Zirler Steig wieder in Richtung des Solsteinhauses weiter. Auch dieser Weg ist teilweise ausgesetzt und führt durch steiles und sehenswertes Gelände. Deutlich erkennt man in den Wänden die Nässe der vergangenen Regenfälle. Wir erreichen nach der ordentlichen Runde zufrieden das Solsteinhaus und hoffen für den nächsten Tag, etwas bessere Wetterbedingungen zu haben.

Leider scheinen wir dabei kein wirkliches Glück zu haben - auch am nächsten Tag herrscht eine dicke Wolkendecke, und wir befürchten, daß jederzeit ein Regenschauer einsetzen kann. Wir gehen trotzdem unseren ursprünglichen Plan an, die Erlspitze zu besteigen - mit der kleinen Abwandlung, nur über den Normalweg und nicht über den Klettersteig aufzusteigen.

Immerhin sehen wir wieder einmal schöne Wasserperlen auf den Blättern.

Im Aufstieg können wir zumindest heute den Großen Solstein bewundern, auf dem wir gestern gestanden sind. Auch der Kleine Solstein dahinter zeigt sich als spitzer Zinken.

Und dann scheint die Wetterfee doch noch Mitleid mit uns zu haben - der Himmel beginnt aufzureißen!

Als wir an der Gipfelstürmernadel vorbeikommen, sind große Teile des Himmels bereits blau.

Schließlich erleben wir auf dem Gipfel eine schöne Rundumsicht bei guten Bedingungen - gut, daß wir die Tour gemacht haben! Wir beschließen, nun den Abstieg über den Klettersteig vorzunehmen - die Bedingungen scheinen ja nicht schlecht zu sein.

Die Ausblicke Richtung Freiungen sind spektakulär, und der Klettersteig selbst ist trotz vereinzelter nasser Stellen relativ gut machbar.

Wir können den Abstieg genießen - wer hätte das gedacht, nachdem der Tag so grau und feucht begonnen hatte! In der Eppzirler Scharte angekommen legen wir Helm und Gurt ab und rauschen dann noch einmal zum Solsteinhaus hinunter. Auf der Sonnenterasse (nun verdient sie diesen Namen zum ersten Mal!) lassen wir uns noch einen Cappucino schmecken, ehe wir den langen Weg durch das üppige Grün hinunter nach Hochzirl angehen. Ein interessanter Kurzurlaub mit vielen verschiedenen Eindrücken geht zu Ende, und wieder einmal fahren wir zufrieden zurück nach München.

Felsige Wege bei Leutasch


Früh geht es für die nächste Unternehmung von München los: Im Morgengrauen fahren wir an Garmisch vorbei den altbekannten Weg nach Mittenwald weiter, bevor es rechtshaltend in das schöne Leutascher Hochtal weitergeht. Vom kostenpflichtigen Parkplatz des Hotels Hubertus startet dann der lange Anstieg zur Partenkirchener Dreitorspitze über das Berglein-Tal. Nach dem ersten steileren Aufschwung begegnen wir einer jungen Gams, die sich vom Weg weg zu einem Schneefeld trollt und dort Eis frißt - Alpen-Sorbet!

Bald darauf wird die Landschaft immer karger und steiniger - wir sind im Leutascher Platt angekommen.

Einige schotterige Höhenmeter und Schneefeld-Querungen später erreichen wir endlich den Klettersteig zum Gipfel der Partenkirchener Dreitorspitze. Da wir nicht wissen, wie wild der werden wird, legen wir neben dem Helm zur Sicherheit auch gleich das ganze Set an. Später wird sich herausstellen, daß der Steig relativ zahm verläuft und das Set nicht unbedingt nötig gewesen wäre. Aber lieber so herum als anders!

Am Gipfel angekommen erwartet uns ein kontinuierlicher Wechsel aus Wolken und Sonne - schlechte Zeiten für ein strahlendes Rundum-Panorama, aber gut für interessante Wolkenstimmungen.

Der Blick hinüber zur Leutascher Dreitorspitze.

Im Rückweg entscheiden wir uns für die Abstiegsvariante über die Söller-Rinne hinunter ins Puit-Tal. Bei der Querung des Leutascher Platts sehen wir in der Lücke zwischen Bayerland-Turm und Musterstein die Meilerhütte.

Wir sind nicht die einzigen Lebewesen auf dem Platt. Eine Herde Schafe sucht die wenigen grünen Flecken in der trostlosen (und gerade deswegen auch reizvollen) Karst-Umgebung des Platts.

Der steile Abstieg über die Söller-Rinne ist eine mühselige Angelegenheit, und wir sind froh, als wir am blumenübersäten Talboden des Puittals ankommen. Von dort führt und der Weg durch einen malerischen Bergwald zurück nach unten und schließlich zum Hotel Hubertus, wo wir uns auf gewohnte Art und Weise für die lange Tour belohnen.

Nach der Nacht in Leutasch steigen wir am nächsten Morgen den schönen Weg durch das Puittal wieder bergan - die Gehrenspitze steht auf dem Programm. Das Wetter beschert und einen fantastischen Tag fast ohne Wolken. Wir erreichen den Gipfel der Gehrenspitze ohne größere Probleme, genehmigen uns die obligatorische Brotzeit und wandern dann wieder zurück.

An der Westschulter der Gehrenspitze genießen wir noch einmal das Panorama mit Hoher Munde, Hochwanner und Schüsselkar - es ist einfach mal wieder ein toller Tag in den Bergen. Nach dem Abstieg geht es dann glücklich und zufrieden wieder Richtung Heimat.

Südtiroler Luft auf der Zufallhütte


Nachdem mittlerweile auch die Grenzen nach Südtirol wieder offen sind, beschließen wir, einige der langen Juni-Tage dort auf der Zufallhütte im Martelltal zu verbringen. Der erste Eindruck ist in der Tat paradiesisch - weiße Bergspitzen über grünen Tälern mit vielen verschiedenen Blumen, dazwischen munter rauschende Bächlein mit Wasserfällen.

Über Alpenrosen präsentiert sich malerisch die Zufallspitze...

...und genauso malerisch steht sie auch vor dem Fenster unseres Zimmers auf der Hütte.

Leider gibt es - wie in jedem Paradies - auch hier einen kleinen Makel: In den Tagen vor unserem Aufenthalt hat es im südtiroler Pendant zur bayrischen Schlechtwetterphase in die hohen Lagen um die Hütte noch einmal kräftig hinein geschneit. Die hohen Gipfel strahlen zwar makellos weiß im Neuschnee, sind aber gerade wegen diesem auch schwer zugänglich. Wir beschließen daher, zunächst als Testlauf die Köllkuppe als moderate Einstiegstour anzugehen, bevor wir uns an Zufall- oder Veneziaspitze wagen. Bei optimalem Wetter geht es zunächst Richtung Martell-Hütte los.

Nur wenige Höhenmeter hinter dieser beginnt das mühsame Stapfen durch den Schnee. Immerhin ist der so früh am Tage zumindest in den Schattenlagen noch einigermaßen fest. Bald jedoch breche ich bis zum Knie durch und vergieße daher nicht gerade wenig Schweiß.

Endlich am Ende des letzten Steilstückes angekommen drücke ich auf den Auslöser, als meine Frau unter Königsspitze, Zebru und Ortler diese letzten steilen Schritte macht.

Fünf Minuten später stehen wir auf 3330 Meter am Gipfel der Köllkuppe. Die verdiente Brotzeit findet vor einem vollendeten 360-Grad-Panorama statt. Danach geht es gemütlich wieder nach unten - denkste! Auch im Abstieg rausche ich regelmäßig bis zum Knie in den faulen Schnee und verschwende dadurch meine Energie. Wie anstrengend doch ein Weg nach unten sein kann!

Umso mehr sind wir erleichtert, als die Passagen im Schnee kurz vor der Martell-Hütte schließlich ihr Ende haben.

Wir kehren an der Martell-Hütte ein und sinnieren bei einem kühlen Getränk über die Tour zur Zufall-Spitze, die vor uns im Bild und eigentlich auch auf dem Plan steht. Noch einmal mehr als 400 Höhenmeter höher und auch von der Wegstrecke länger wäre sie bei den gegenwärtigen Schneebedingungen wohl ein wahre Sysiphos-Aufgabe. Konsequenterweise verschieben wir den Besteigungsversuch zunächst einmal und beschließen, zunächst die schneefreien Touren in der Umgebung anzugehen.

Trotzdem (oder gerade deswegen?) schenkt uns die Zufallspitze noch ein schönes Bild über Alpenrosen.

Am nächsten Morgen starten wir Richtung Pedertal zur Kalvenspitze, deren Gipfel ganz rechts im Bild zu sehen ist.

Die schöne Wanderung führt uns über die Dreitausender-Schwelle auf einen weiteren Logenplatz vor den umgebenden Schneebergen. Über die Lyfi-Alm laufen wir dann zurück zur Zufallhütte und kommen dort gerade an, als die ersten Regentropfen aus den mittlerweile dicken Wolken fallen. Gutes Timing ist was wert!

Auch am nächsten Tag steht mit der Rotspitze ein schneefreier Gipfel an (so hoffen wir wenigstens...). Zunächst bewundern wir der Morgentau auf den Blättern...

...sowie wild zerzauste Wollgras-Frisuren.

Idyllisch geht es durch den lichten Bergwald nach oben.

Der Anstieg wird relativ steil und gewährt wunderbare Ausblicke. Schließlich müssen wir dann doch noch einige kleine Schneefelder queren, die auf den steilen Schutthängen liegen. Glücklicherweise sind diese Reste weich und gut zu treten, so daß wir nach dem letzten steileren Aufschwung in einer Schuttrinne...

...endlich am Gipfel ankommen.

Das Suldener Dreigestirn aus Königsspitze, Zebru und Ortler ist da schon in Quellwolken gehüllt. Wir gönnen uns eine kurze Pause, bevor es dann auf einem Höhensteig zur Marteller Hütte weiter geht.

Spätestens hier wird uns klar, daß es nicht ohne größere Berührung mit Schnee abgehen wird. Immerhin finden sich zwischen den Schneefeldern immer wieder längere trockene Passagen - und darüber hinauß werden wir durch eine außergewöhnlich schöne alpine Umgebung belohnt, die wir unterhalb der Venezia-Spitzen durchqueren. Zufrieden kommen wir an der Martell-Hütte an, belohnen uns wieder mit einem Kaltgetränk und machen uns danach an den Rückweg zur Zufallhütte. Und wieder einmal paßt das Timing perfekt - mit dem ersten Donnergrollen des aufziehenden Gewitters stehen wir auf der Schwelle unserer Unterkunft.

Nach einer weiteren Nacht auf der schönen Hütte mit exzellenter Verpflegung geht es dann zurück ins Tal und weiter über Reschenpass und Fernpass zurück in die Heimat - mit dem festen Vorsatz, die Hütte noch einmal zu besuchen. Es locken neben den Hochtouren nämlich noch einige sehr schöne hohe Wandertouren in idyllischer Umgebung; und wer wollte sich so etwas schon entgehen lassen?